Sternstunden III – Stuttgart 21

Noch ein weiteres Beispiel aus der Abteilung „unverantwortliche Kassandrarufe“. Oder auch: „haltlose Kassandrarufe“.

Mit diesen wenig schmeichelhaften Attributen wurde und wird der Bahnspezialist und Journalist Arno Luik bedacht. Seit er nicht nur die Sinnhaftigkeit des Megabahnprojekts Stuttgart 21 in mehreren Publikationen mit guten Gründen in Frage stellte, sondern auch auf die potentielle Gefährlichkeit dieses Baus verwies. 

Seine auf Bahndokumenten beruhenden Warnungen haben ihn dorthin gebracht, wo auch die antiken Kassandrarufe endeten: in den Verdacht, wahnsinnig zu sein. 

Im Einzelnen betreffen seine Warnungen:

1. Den Brandschutz. Ein zu Rate gezogener Schweizer Brandschutzexperte:

„Das dürfen Sie nicht bauen. Das ist eine Katastrophe mit Ansage.“

Aufgrund seiner engen unterirdischen Schächte habe S21 die Möglichkeit, im Fall eines Brandes zu „Europas größtem Krematorium“ zu werden.

2. Fluchtwege sind bereits jetzt erkennbar unterdimensioniert. Im Katastrophenfall würden sich Massen Flüchtender an den engsten Stellen stauen. Auch die Rettungstreppen seien sehr viel „zu eng, zu steil, zu lang“ .

3. Rettungstechnisch, ökologisch (extreme Feinstaubkonzentration) und verkehrstechnisch realisiere man nachweisbar einen Hochriksikobahnhof, der überhaupt nur aufgrund ungezählter Ausnahmeregelungen in Betrieb gehen könne.

Abgesehen von den enormen Kosten und der Tatsache, dass das Projekt aufgrund der mehr als 30 Jahre zurückliegenden Planung im Moment der Inbetriebnahme bereits verkehrstechnisch veraltet sei, sei das Vorhaben, so der Verfasser, von Beginn als absurd und abstrus einzustufen. 

Mit der Bezeichnung all dieser ernsthaften Hinweise als „Kassandrarufe“ werden sie mit einem Schlag neutralisiert, ja eliminiert. 

Einmal mehr siegt das Gesetz der Trägheit. 

Bleibt die Frage, was hinter dieser faktischen oder vermeintlichen Trägheit steckt? Die Antwort steckt bereits im eingangs zitierten Adjektiv „unverantwortlich“! Unverantwortlich nennen die Verantwortlichen alles das, was nicht in ihr Konzept passt. Kurzerhand deklariert man alles „Unerwünschte“ als „Unverantwortliches“. Nüchterne Warnrufe werden hysterischen Kassandraschreien umgemünzt. Warner werden als Wahnsinnige diffamiert. Alles aus einem einzigen Grund: um seine materiellen und konzeptionellen Interessen weiter ungestört durchziehen zu können – koste es was es wolle. Wenn es sein muss, auch Menschenleben. Nach der – vermeidbaren – Katastrophe können die Verantwortungsträger von damals (so sie noch leben oder im Amt sind) dann bei der Trauerfeier wieder schön von ihrer Betroffenheit schwadronieren, und im Brustton der Überzeugung verkünden, dass so etwas nie wieder …