Sternstunden I

Wenn es Cassandra gut geht, geht es der Welt schlecht.

Wenn sie endlich einmal recht bekommt, ist bereits etwas schiefgelaufen.

Dann ist es wieder mal zu spät. Dann hat man wieder mal nicht rechtzeitig reagiert.

Dann hat man wieder Unübersehbares doch übersehen.

Rote Linien nicht beachtet. 

Sich längst Anbahnendes nicht wahrhaben wollen. 

Derzeit haben wir Hochkonjunktur in Sachen dieser „Sternstunden“

Seit 20 Jahren weiß man von rechten, antisemitischen Tendenzen hierzulande. Spätestens seit dem Wirken des NSU 1999 weiß man, dass ein System, ein Netz dahintersteckt. Aber jetzt, nach den Morden in Halle, öffnet man die Augen und spielt auf überrascht und tief besorgt.

Im Fall von Erdogans Vorbereitungen eines Vernichtungskrieges gegen die Kurden wartete man – nach monatelangen Drohungen – buchstäblich auf den ersten Schuss, bevor man zahnlos entrüstet tönte. 

Trumps Irrsinnstaten bestaunt man amüsiert, verärgert oder besorgt – ohne konkret zu reagieren und ihm das Spielzeug des Präsidentenamtes aus der Hand zu schlagen.

Es ist als ob man einen hochalkoholisierten Fahrer in einen Ferrari setzte und damit in den Straßenverkehr schickt. 

Die Frage: warum sind wir so gestrickt. Was bringt uns immer wieder dazu, nahendes und eigentlich unübersehbar heraufziehendes Unheil bis zum allerletzten Moment zu ignorieren und erst dann zu reagieren wenn es zu spät ist?